Archiv für die Kategorie ‘Psychologie’

William James Herschel, Enkel des berühmten Komponisten und Astronomen, nutzte in Indien als Kolonialbeamter seit 1858 Fingerprints, um Dokumente zu sichern. In Argentinien wurde 1892 erstmals eine Frau anhand ihrer Fingerabdrücke als Mörderin überführt. 1903 wandte ein sächsischer Kriminalbeamter daktyloskopische Methoden erstmals in Deutschland an. 1905 kommt in Lauterberg ein junger Mann auf seltsame Art zu Tode – und ein junger Polizist würde sich gern einen Namen bei der Aufklärung machen, aber intelligentere Frauen hinterlassen keine Fingerabdrücke, wenn sie töten.

Was war mit dem jungen Mothes? Hast du Luder ihm schöne Augen gemacht?“

Welcher Mothes?“

Stell dich nicht dumm. Der Mothes Willi aus der Rüsse.“ Die Niednerin hatte die Stimme erhoben, Sophies Augen wanderten über den Tisch, sie griff nach einem Kanten, obwohl sie längst satt war von Schmalzbrot und Fassgurken, dazu seit Wochen zum Vesper nichts anderes gesehen hatte.

Wieso sollte ich mich mit dem abgeben, diesem stinkenden Bock? Er ist hinter jedem Weibsbild her.“

Er hat einen Brief an dich geschrieben.“

Ich habe keinen bekommen.“ Sophie biss ab, mampfte mit Nachdruck. Die Tante stützte die Unterarme auf den Tisch, beugte sich weit hinüber, suchte ihre Augen.

Freilich nicht, er liegt ja bei der Polizei. Und du weißt sehr gut, wie der Mothes Willi gestorben ist, schon weil die Lisbeth ihn gefunden hat. Was soll das unschuldige Getue? Was war mit dir und Mothes?“

Er hat mir halt nachgestellt, ich habe ihn abblitzen lassen. Weiß ich, wem er alles Briefe schreibt…geschrieben hat.“

Die Tante schlug mit der Hand auf den Tisch. „Da hör einer die Frechheit! ‚Mich flieht der Schlaf jede Nacht, denk‘ ich nur der feuerroten Haare meiner Sophie‘, das steht da geschrieben, so hat es mir Lehrer Riebeseel von der Mühltorschule berichtet. Die Polizei hat nach der rothaarigen Sophie gefragt, er hat ‘s mir insgeheim erzählt. Und weiter: dass der Mothes kaum einen geraden Satz schreiben konnte, an dem Brief sei eigentlich nur die Unterschrift von ihm gewesen, das Ganze aber wie abgeschrieben: ‚Ich will nicht mehr leben, kann ich dir, meine über alles Geliebte, nicht nahe sein!‘ Wie kommt ein Depp, der ‚hinter jedem Weibsbild her‘ sein soll, auf derart romantischen Schwulst?“

Sophie sprang auf und blitzte ihre Tante an: „Und wie kommst du dazu, mich zu verdächtigen? Ein jeder Bösewicht, jede Hure könnte sich mit einem dreckigen Mothes dazu verstehen, mir etwas Übles anzuhängen! Gerade weil er nicht ans Ziel kam! ‚Brütet nur im Nest der Neid, falsch Zeugnis schlüpft nach jeder Seit‘‘ – ist das nicht einer deiner Sprüche? Ich kenne ein Dutzend Leute, die mich gern am Pranger sähen, aber du suchst das Übel lieber bei mir!“ Sie riss Mantel und Schal vom Haken, knallte die Tür hinter sich zu. Die Niednerin seufzte. „Wenn ‘s doch nur so wäre. Wenn wenigstens Gras über die Geschichte wüchse und der Mothes Willi seinen Frieden fände.“

***

Bei der Polizeibehörde der Kreisstadt hatte man sich lange nicht einigen können, wie der Fall Wihelm Mothes zu bewerten war. Der Achtzehnjährige wies gleich zwei tödliche Verletzungen auf: Das Genick war durch den Sturz vom Felsen am Domberg gebrochen, in seiner Brust steckte obendrein ein Ehrendolch des Thüringischen Husaren-Regiments Nr. 12. Wilhelms Vater hatte dort gedient, war wegen besonderen Mutes in der Schlacht bei Königgrätz ausgezeichnet worden. Den Dolch hatte er als den seinen erkannt. Auf den Tod des jüngsten seiner vier Söhne reagierte er zwiespältig. Bei der Leichenschau verhüllte er mit deutlichen Anzeichen des Schmerzes sein Gesicht, merkte im Hinausgehen jedoch an, es habe wohl leider so kommen müssen, er wisse nur nicht, wodurch er diese Strafe Gottes verdient habe.

Der Vorschrift gemäß wurde der Leichnam alsbald bestattet. Mit Rücksicht auf den tadellosen Ruf der Familie erklärte die Behörde Wilhelms Tod für einen Unfall, obwohl der Fund eines Liebesbriefes in seiner Rocktasche auf Selbstmord deutete. Einen ehrgeizigen jungen Polizisten, der sich erbot, den Griff des Messers nach einem unlängst in Dresden neu eingeführten Verfahren auf Fingerabdrücke zu untersuchen, wies der Vater ab. Die allfällige Täterschaft eines Dritten mittels einer solchen neumodischen „Daktyloskopie“ feststellen zu wollen, sei unnötig, das mache seinen Sohn nicht wieder lebendig. Der alte Mothes gab also den Dolch seinem unglücklichen Sohn mit ins Grab, äußerte dabei den Wunsch, dass seine beiden ältesten, die beim Preußischen Heer dienten, sowie Kurt Georg, der als ein tüchtiger Waffenschmied bei Richard Bornmüller & Co. angestellt war, ihr Leben glücklicher und in Ehren zubringen mögen.

Weder die im „Lauterberger Boten“ veröffentlichte Stellungnahme der Behörden noch Ermahnungen von der Kanzel und in Schulen verhinderten gleichwohl, dass der Volksmund den Porphyrquader am Domberg fortan „Willmothsfelsen“ nannte; wie manch anderen Platz im Städtchen umrankten ihn Schauergeschichten. Willys Sturz sei ein Kampf mit einem Rivalen wegen der rothaarigen Sophie vorausgegangen, hieß es, und das Mädchen wurde fortan mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht. Junge Männer sahen in ihr die Beute – womöglich angreifbar, weil von zweifelhaftem Ruf – oder die hexenhafte Verführerin. Sie zu unterwerfen stachelte Gelüste um so heftiger, als Sophie selbstbewusst ihrer Wege ging, auf Komplimente wie Zudringlichkeiten gar nicht oder mit bissigem Kommentar reagierte. Ihre Altersgenossinnen zischelten hinter ihrem Rücken, teils aus Neid, teils aus Bewunderung; ihr letztes Schuljahr erlebte sie als Mittelpunkt und Außenseiterin des Pausenhofes zugleich. Selten gesellten sich Mitschülerinnen ihr zu, einzig „Lissy Einhand“ war stets an ihrer Seite, und das nährte Klatsch und Tratsch im Städtchen bis zum Frühjahr 1906 mit immer neuen Gerüchten.

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Wie es beginnt

Veröffentlicht: 17. August 2016 von publizist in Literatur, Psychologie, Roman, Zukunft
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Ein Sozialwissenschaftler auf einer Vortragsreise. Eintauchen in die Vergangenheit, die nicht vergeht.

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„Wären wir nur durch den verfluchten Tunnel“, flüsterte die alte Frau und umklammerte die Krücke. Der Stock klemmte zwischen ihren Beinen, krümmte sich zwischen gefalteten Händen unterm Kinn, darüber kaum geöffnet schmale Lippen, schmal auch die Stimme: Als schnitte Papier tonlose Beschwörungen aus ihrem Atem zischte, hechelte, keuchte, raschelte und pfiff das fort und fort. „Das elende Loch. Die Mörderhöhle. Alles verwest, erstickt, verfickte Grube.“

Jonas saß wenige Sitze entfernt mit dem Rücken zur Fahrt, sah das Gesicht der Greisin, von einer Lehne halb verdeckt, sich spiegeln in der Scheibe des Busses. Blass wanderten die Farben der Landschaft durch das plissierte Grau, und – Spiegel im Spiegel – reflektierten die Brillengläser der Alten alles noch einmal, als käme nichts vom Fleck, als sei Bewegung nur Schein, hin und her wabernde Schemen. Ihm wurde unheimlich. Das war natürlich blöd. Delirierende Alte waren zwar kein erfreulicher Anblick, aber gewiss nicht zum Fürchten. Trotzdem empfand er die Faltenlandschaft in fahler Haut, die senkrechte Furche über der Nasenwurzel – ‚ängstliche Willensanspannung‘, dachte er – die kalten Augen hinter Gläsern, den Mund mit den herabgezogenen Winkeln, mehr noch das reglose, formelhafte Selbstgespräch als bedrohlich. (…)

„Sie hatte einen ganz blutigen Kopf“, raunte die Niednerin, zog ein Laken aus dem Waschtrog, schinderte es zwischen Bürste und Waschbrett. „Sie will’s mit einem Lappen verstecken, aber ich habe die Flecken gesehen, braun und schwarz verkrustet. Sie war’s, das steht fest!“

Das Kind saß auf dem Rand einer Wanne und betrachtete seine Zehen. Die Schmutzränder zerliefen wie Wasserfarben. Seltsame Muster neben den Nägeln. „Die Alte vom Plan war die schwarze Katze?“

„Woher soll sie sonst die Beulen haben? Der Semmler hat seinen Hammer nach ihr geworfen, sie hatte das Kind aus der Wiege schon in den Krallen. Wie am Spieß hat’s geschrieen.“

„Und die Semmlerin?“

„Ohnmächtig vor Angst. Fass mit an, auswringen.“

Sophie balancierte über die Sandsteinblöcke am Boden. Konnte eine Katze einen Säugling entführen? Doch nur, wenn Hexerei im Spiel war. Der Teufel. Die Alte vom Plan musste besessen sein, eine Teufelshure. Sophie umklammerte die Lakenwurst, deren Ende ihr die Pflegemutter hinstreckte, Lauge troff heraus. „Bist kräftig geworden, Sophie. Und hübsch. Pass nur auf dich auf. Lass dir nicht den Kopf verdrehen von Schmeichelreden. Männer und Kuppelweiber, die warten nur drauf, so ein junges Ding wie dich zu verderben. Sie schwatzen dir dein Kränzlein ab, dann landest du in der Gosse.“

Die Dreizehnjährige kicherte. Was sie alle mit dem Kränzlein hatten. Sie schaute dem schaumigen Rinnsal nach, das zwischen den Steinen hinauslief zum Fluss. Ein bisschen dunkler als Pipi war das. Der Nachbarsjunge hatte hinter ihr gestanden, als sie sich in der Waschküche erleichterte, war ihr wahrscheinlich nachgeschlichen, das Ekel. „Lass mich sehen“, hatte er gestammelt, „ich will nur wissen, ob du wirklich keinen Pimmel hast.“

Kiesel

Veröffentlicht: 23. April 2016 von publizist in Literatur, Lyrik, Poesie, Psychologie, Zukuinft
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Erschienst du mir ein wenig blass am Morgen?

Und strahltest nachts, mein Stern, in jedem Licht.

Warst du nur müde? Hieltest du verborgen

Ein schattiges Gespinst aus deinen Sorgen?

Die Sonne zeigt: du zeigtest sie mir nicht.

War ich es selbst, der deine Mienen trübte?

Zog ich die Folie über deinen Glanz?

Dein Wort war zögerlich, dein Blick Distanz.

Dein Kuss blieb stumm – du gabst ihn mir nicht ganz.

Dieweil ich mich in süßem Reden übte.

Du bist schon fort, eh’ ich mich’s recht versehen.

Versäumte ich, dein Bleiben zu erflehen?

War dir der Abschied leicht? Du bliebst nicht stehen

Und winktest kaum zurück. Ich blieb allein.

So macht aus Sonne und Vulkan das Meer den Stein.

Entzweites Erzählen

Veröffentlicht: 10. Januar 2016 von publizist in Allgemein, Literatur, Poesie, Psychologie, Roman
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Fühlst du dich, fühl ich mich nicht

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Vergänglich: Blüten und Blütenträume

Deine Fabel ist vollkommen. Sie muss es sein, sonst rettet sie nicht dein Leben.
Oder was davon? Wer bedrohte es? Dein Leben – oder welchen Teil davon? Den Körper? War da ein Vergewaltiger, der ihn sich unterwerfen wollte, Gewalt – Macht – Lust? Die Seele? Wer? Der Teufel will Seelen, drum schürt er die Angst: „Angst essen Seele auf“. Das ist ein Film von vielen, die du gesehen hast: Beängstigende Filme, komische Filme, zum Schreien komische. Haben Filme deine Seele aufgegessen? Bewegte Bilder in einer Welt, die in den Bildern verschwindet? Die Welt wird vollkommen digital. Du kannst dir jede vollkommene Fabel abzweigen, die dich sichert gegen die Angst des nicht Ausrechenbaren. Du kannst dir ein perfektes digitales Du für die Liebe abzweigen ¬¬- nur kein lebendiges Du.
Wir wollen nicht mehr reden, da alles Missverständnis ist, die Worte an Bildern kleben, Figuren, Popanzen, Ängsten. Sobald wir erzählen, entzweien wir uns, weil jeder seine Fabel hat, lebensrettend und also vollkommen, und vollkommen unvereinbar mit der Fabel des anderen. Wir können ja nicht eins sein, nicht einmal, wenn unsere Körper ineinander fließen und alle Lust Ewigkeit will, tiefe, tiefe Ewigkeit.
Weh spricht vergeh‘.
Es muss einer schuld am Schmerz sein, damit die Seele ihm gewachsen ist. So wachsen ja Seelen auf: Immer ist einer da, der schuld ist. Es darf nicht keiner da sein, der schuld ist, sonst ist die Fabel nicht vollkommen. Es fehlt der Grund,  die Ur-Sache. Ich bin schuld an deinem Schmerz. Ich bin die Ur-Sache deiner Fabel. Nur so wird sie perfekt. Und nur so wird sie vollkommen unvereinbar mit meiner Fabel. Denn meine Fabel kennt keine Schuld. Jedenfalls nicht meine.
Wenn sich Literatur vom Elend der erwartbaren Fabeln löst, nicht mehr Sieger und Verlierer, nicht mehr Täter und Opfer kennt, nicht mehr Gut und Böse, nur Irrende und Unvollkommene, wenn sie der Falle der Dichotomie entkommt, könnte sie heilen.

Schiffbruch

Veröffentlicht: 11. Mai 2015 von publizist in Literatur, Lyrik, Poesie, Psychologie, Zukunft
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William Turner "Der Schiffbruch"

William Turner "Der Schiffbruch”

Ist es wirklich schon soweit?
Muss ich schon die Segel streichen?
In den stillen Priel entweichen
Ferne jedem Sturm und Streit?
Ganz entfernt von Lust und Träumen
Fernweh, Rausch und Übermut
In gefühlsbefreiten Räumen
Ganz vergessen Schmerz und Wut?

Ja, mein Schiff ist leck geschlagen
Brüchig Falle, Reeps und Trossen
Alle Munition verschossen
Morsches Holz will nichts mehr tragen.
Muscheln bohrten sich in Spanten
Nur noch Tünche hält den Rest
Der Kommandobrücke fest.
Ratten pfeifen von den Wanten:
„Zeit dass du von Bord verschwindest
Abwrackst diesen mürben Kahn
Du bist nur ein alter Mann
Zeit, dass du dich überwindest!
Sag dich los vom Abenteuer
Nimm die müde Hand vom Steuer!
Was dich trieb mit allen Sinnen
Nach dem Rot der Frauenlippen
Nach kokettem Füßewippen
Nach des Körpers schönster Zierde
Nach dem hingegebenen Fallen
In den Abgrund der Begierde
Da die Augen sich verschließen
Alle Fasern nur genießen
Englische Gesänge schallen
Kannst du längst nicht mehr gewinnen!“

Also pfeift die Rattenschar
Und es gellt mir in den Ohren
Alles ist – so scheint’s – verloren
Was Mission der Reisen war.

Bleibt mir nach der letzten Fahrt
Nur, mein Schiffchen abzufackeln
Und beschämt ins Grab zu wackeln?
Nein, das ist nicht meine Art.
Mit den Steinen unterm Fuß
Will ich noch ein wenig weilen
Mich beim Wandern nicht beeilen
Träumend bis zum letzten Kuss.

Sisyphus_by_von_StuckAlbert Camus hat dazu aufgefordert, sich den Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen. Diese Denkfigur haben viele Philosophen und andere Nachdenkliche aufgegriffen. Vermutlich ist alles darüber gesagt, ganz sicher nicht von allen. Mich interessiert die Geschichte weniger der Interpretation wegen, sondern wegen ihrer unstreitigen Modernität. Die Nachricht vom gewaltigen Volumen der Bundesagentur für Arbeit regte wieder einmal die Frage an, ob unsere Gesellschaft wirklich zum Ziel gesetzt hat, möglichst alle – ob sie wollen oder nicht – zumindest materiell sicherzustellen. Am besten als AnGestellte. Diese Existenzform kommt dem Bild des Sisyphos nahe: Es gibt eine Arbeit, die ihrem Wesen nach fremdbestimmt ist, d.h. sie schließt genau denjenigen davon aus, über ihr Ziel – ob Produkt oder Dienstleistung – zu entscheiden, der sie tut. Ob Mann oder Frau: Nicht die Strafe der Götter zwingt sie, sondern ein Vertrag, mit dem sie sich an Ziele binden, über die das Gestell entscheidet. Das können Unternehmen sein oder Behörden, Parteien oder NGO. Egal wo: Die Arbeit muss getan werden.

Glück speist sich dabei aus zwei Quellen:

  • Der Moment, in dem der Stein hinabrollt, Sisyphos mit sich allein ist. “Freizeit” nennt das der von Staat und Gesellschaft zugleich befürsorgte und ausgebeutete Angestellte. Heutzutage ist er darin nicht mit Stein und Berg allein, er kann sich dank der Medien vergewissern, wie schlimm die Welt jenseits seines Hügels und Steins ist, sich von anderen Steinerollern begeistern lassen, deren Gesichter ihn aus Werbeclips oder Siegerehrungen aller möglichen Wettbewerbe anstrahlen. Sollte er lieber nur in die Landschaft um den Berg schauen, könnte das heikel sein. 
  • Die Arbeit des Hinaufrollens selbst. Sie mag eintönig erscheinen, aber Sisyphos macht Erfahrungen: mit dem Stein, mit dem Berg, mit sich. Er lernt die Details kennen, findet optimale Wege, wird immer stärker und geschickter – lassen wir das Altern mal außen vor. Möglicherweise fühlt er sich den Siegern der Medienwelt ebenbürtig.

Verlassen wir hier das Bild vom einsamen Mann Sisyphos (oder seiner Schwester – nennen wir sie Sisyphina). Beide schieben Tag für Tag ihren Stein. Die moderne Arbeitswelt gesellt ihnen ein Team zu. Im Sozialismus hieß das Kollektiv. Automatisch geht das Steineschieben mit sozialen Interaktionen einher: Konkurrenzen um den besten Platz am Stein, den günstigsten Weg, seine Füße zu setzen, die beste Aussicht vom Berg. Sisyphina könnte sich verlieben, allerdings nicht unbeobachtet. Sogar echte Zusammenarbeit wäre vorstellbar. Die Leute müssen sich allerdings irgendwann darüber verständigen, was am Ende des Tages wichtig ist: Der Vergleich mit anderen Steinerollern oder der gemeinsame Blick vom Berg, der Fragen aufwerfen könnte, auf die es keine Antwort gibt. An genau diesem Punkt scheiden sich Kollektive – oder Teams – von Freundschaften, Liebe und Vertrauen vom “Geschäft des Lebens”.

Auch deshalb ist der Mythos unsterblich.

Der Mensch strebt nach Vollkommenheit. Dieses Streben materialisiert sich auf bizarre Art, wenn er mit mechanischen, digitalen, biologischen, medizinischen Mitteln Seinesgleichen zu erschaffen sucht. Grausam und lächerlich muten zugleich alle Experimente an, mit denen die natürliche Vielfalt, die Unterschiede in der körperlichen, geistigen, psychischen Konstitution von Individuen zugunsten gesellschaftlich erwünschter „Homogenisierung“ unterdrückt werden sollen. Wer Unterschiede einebnet, verbindet damit fast immer das Ziel eigener Vorherrschaft und Kontrolle über soziale Verhältnisse – und das gilt für einzelne Despoten wie für Parteien oder andere auf Dominanz orientierte Gruppen.

Homunculus wird im Labor erschaffen

In Goethes „Faust“ wird ein menschliches Wesen erschaffen: der Homunculus

Der langen literarischen Geschichte vom Umgang des Menschen mit von ihm selbst hergestellten Homunculi, Androiden, Avataren, Puppen, digitalen Zwillingen fügt mein neues Buch komische, schaurige, erstaunliche, magische, erschreckende – jedenfalls unterhaltsame – Geschichten aus alter und neuer Zeit hinzu.