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Sisyphus_by_von_StuckAlbert Camus hat dazu aufgefordert, sich den Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen. Diese Denkfigur haben viele Philosophen und andere Nachdenkliche aufgegriffen. Vermutlich ist alles darüber gesagt, ganz sicher nicht von allen. Mich interessiert die Geschichte weniger der Interpretation wegen, sondern wegen ihrer unstreitigen Modernität. Die Nachricht vom gewaltigen Volumen der Bundesagentur für Arbeit regte wieder einmal die Frage an, ob unsere Gesellschaft wirklich zum Ziel gesetzt hat, möglichst alle – ob sie wollen oder nicht – zumindest materiell sicherzustellen. Am besten als AnGestellte. Diese Existenzform kommt dem Bild des Sisyphos nahe: Es gibt eine Arbeit, die ihrem Wesen nach fremdbestimmt ist, d.h. sie schließt genau denjenigen davon aus, über ihr Ziel – ob Produkt oder Dienstleistung – zu entscheiden, der sie tut. Ob Mann oder Frau: Nicht die Strafe der Götter zwingt sie, sondern ein Vertrag, mit dem sie sich an Ziele binden, über die das Gestell entscheidet. Das können Unternehmen sein oder Behörden, Parteien oder NGO. Egal wo: Die Arbeit muss getan werden.

Glück speist sich dabei aus zwei Quellen:

  • Der Moment, in dem der Stein hinabrollt, Sisyphos mit sich allein ist. “Freizeit” nennt das der von Staat und Gesellschaft zugleich befürsorgte und ausgebeutete Angestellte. Heutzutage ist er darin nicht mit Stein und Berg allein, er kann sich dank der Medien vergewissern, wie schlimm die Welt jenseits seines Hügels und Steins ist, sich von anderen Steinerollern begeistern lassen, deren Gesichter ihn aus Werbeclips oder Siegerehrungen aller möglichen Wettbewerbe anstrahlen. Sollte er lieber nur in die Landschaft um den Berg schauen, könnte das heikel sein. 
  • Die Arbeit des Hinaufrollens selbst. Sie mag eintönig erscheinen, aber Sisyphos macht Erfahrungen: mit dem Stein, mit dem Berg, mit sich. Er lernt die Details kennen, findet optimale Wege, wird immer stärker und geschickter – lassen wir das Altern mal außen vor. Möglicherweise fühlt er sich den Siegern der Medienwelt ebenbürtig.

Verlassen wir hier das Bild vom einsamen Mann Sisyphos (oder seiner Schwester – nennen wir sie Sisyphina). Beide schieben Tag für Tag ihren Stein. Die moderne Arbeitswelt gesellt ihnen ein Team zu. Im Sozialismus hieß das Kollektiv. Automatisch geht das Steineschieben mit sozialen Interaktionen einher: Konkurrenzen um den besten Platz am Stein, den günstigsten Weg, seine Füße zu setzen, die beste Aussicht vom Berg. Sisyphina könnte sich verlieben, allerdings nicht unbeobachtet. Sogar echte Zusammenarbeit wäre vorstellbar. Die Leute müssen sich allerdings irgendwann darüber verständigen, was am Ende des Tages wichtig ist: Der Vergleich mit anderen Steinerollern oder der gemeinsame Blick vom Berg, der Fragen aufwerfen könnte, auf die es keine Antwort gibt. An genau diesem Punkt scheiden sich Kollektive – oder Teams – von Freundschaften, Liebe und Vertrauen vom “Geschäft des Lebens”.

Auch deshalb ist der Mythos unsterblich.

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Gibraltar

Veröffentlicht: 16. Februar 2015 von immosennewald in Blogosphäre, Literatur, Lyrik, Zukunft
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2013-05-01 13.16.01

In Braunschweig wohne ich am Studentenheim der Technischen Universität, einem Betongebirge, das hier “Affenfelsen” genannt wird. Dort wohnen Studenten aus aller – auch der übelsten – Herren Länder. Diese jungen Menschen sind unsere Zukunft. Ich hoffe, dass Ihnen Bildung, auch Literatur, an einen guten Platz in der Welt hilft, von wo aus sie gestalten können. Die Literatur gehört der Menschheit – wie der Blick auf den Mond den Liebenden. Deshalb habe ich mich vom Volkslied “Guter Mond, du gehst so stille” anregen lassen und – statt Seiten zur “Narbenpuppe” – ein Gedicht verfasst.

 

Kante des Affenfelsens, fremd und kalt
Des Mondes Silberlampe schärft Konturen
Und löst die Angst. Komm in mein Herz, du Licht
Du Hoffnung spendender Gefährte aller Leiden
Du ferner Freund, der alles sieht und weiß
Komm in mein Herz und hilf mir wieder wachen.
Die Nacht ist lang – und ich bin aus dem Gleis.

Ein Augenblick nur ist’s nach Afrika
Wo Hunger, Krieg und Mord die Kinder fressen
Wo Blut den Boden tränkt, kehrt’s Mittelalter wieder
Mit allen Gräueln glorioser Zeiten
Da Religionen sich um Herrschaft streiten
Und Menschen sich im Mob aus Hass vergessen
An jeder Gottheit, Wahrheit – ohne Halt.
Nichts, was mir nicht geschieht: Die Welt wird alt.

Nimm mich mit dir auf deine stillen Bahnen
Trag mich durchs Dunkel: Ich bin sehr allein.
Man sagt, du wärest leblos, ganz aus Stein.
Doch dein Gesicht kann unser Tun nicht fassen.

Gewalt Macht Lust – Du sahst die Türkenkriege
Sahst Gräben, Lager, Bunker, siehst uns hassen
Und Gräuel erschaffen, die wir selbst nicht ahnen.
Die Räume zwischen Meer und Himmel werden eng.
Nichts als ein dünner Film ist unter unseren Füßen.
Die Krume: nährt sie, ausgezehrt von Gier nach Geld
Noch alle Menschenkinder unserer alten Welt?

Sprich, guter Mond: Kommt jetzt die Zeit zu büßen?

Der Mensch strebt nach Vollkommenheit. Dieses Streben materialisiert sich auf bizarre Art, wenn er mit mechanischen, digitalen, biologischen, medizinischen Mitteln Seinesgleichen zu erschaffen sucht. Grausam und lächerlich muten zugleich alle Experimente an, mit denen die natürliche Vielfalt, die Unterschiede in der körperlichen, geistigen, psychischen Konstitution von Individuen zugunsten gesellschaftlich erwünschter „Homogenisierung“ unterdrückt werden sollen. Wer Unterschiede einebnet, verbindet damit fast immer das Ziel eigener Vorherrschaft und Kontrolle über soziale Verhältnisse – und das gilt für einzelne Despoten wie für Parteien oder andere auf Dominanz orientierte Gruppen.

Homunculus wird im Labor erschaffen

In Goethes „Faust“ wird ein menschliches Wesen erschaffen: der Homunculus

Der langen literarischen Geschichte vom Umgang des Menschen mit von ihm selbst hergestellten Homunculi, Androiden, Avataren, Puppen, digitalen Zwillingen fügt mein neues Buch komische, schaurige, erstaunliche, magische, erschreckende – jedenfalls unterhaltsame – Geschichten aus alter und neuer Zeit hinzu.