Feuer und Flamme

Veröffentlicht: 31. Juli 2020 von publizist in Literatur, Roman, Wissenschaft, Zukunft
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Ludwig Knaus „Feuer im Dorf“ 1854 (Ausschnitt)

An einem Montag Ende August 1906 morgens 4 Uhr weckte Sturmgeläut die Einwohner von Agersdorf am See, der Spritzenwagen rasselte die Gassen entlang zum Anwesen des Majors a. D. Albert von Giebler-Türkenfels, Feuerwehrleute zu Pferde und Fuß stürmten herbei. Aus dem Dach des Gesindehauses am Tor schlugen Flammen. So sehr sich die Männer bemühten, mit der vor wenigen Jahren angeschafften Gebirgsspritze, Handspritzen und Eimern des Brandes Herr zu werden: die ächzenden Sparren und Balken wurden glutrot, unterm Geschrei von Weibern und Kindern brach der Dachstuhl in sich zusammen, Feuergarben und Funken wirbelten empor. Ihr Widerschein flackerte in Elisabeths Augen, Tränen liefen ihr übers Gesicht. Sie war totenbleich und klammerte sich an Alberts Arm.
„Sophie, um Gottes willen, wo ist sie nur?“ stammelte sie, „und wo ist die Niednerin?“
„Keine Sorge. Sie ist auf und davon – mit dem unseligen Rudolf. Nur um ihre Tante fürchte ich. Aber das werden wir erst erfahren, wenn jemand ins Haus“, er lachte bitter, „in die Ruine kann. Gestern Abend elf teilte mir der Herr Zeitungsschreiber mit, er wolle sogleich nach Klagenfurt reisen, und deine Freundin werde ihn mit dem Einverständnis der Alten begleiten. Ich wollte dich so spät nicht mehr echauffieren. Sie hat sich nicht einmal verabschiedet.“
„Aber die Tante hätte sie niemals fortgelassen.“
„Das eben beunruhigt mich.“

Der Feuerwehrhauptmann trat zu ihnen, nahm den Helm ab, wischte mit dem Handrücken eine rußige Spur übers Gesicht.
„Herr Major – es tut mir leid. Da war nichts mehr zu retten. Was drinnen passiert ist, wissen wir noch nicht. Wir lassen eine Brandwache hier, die Leute müssen an ihre Arbeit. Vor dem Nachmittag kann niemand hinein.“
„Danke Ihnen Bachner. Sie alle haben mehr als nur ihre Pflicht getan. Wir werden nicht um eine Anzeige bei der Gendarmerie herumkommen. Das hier ging nicht mit rechten Dingen zu, und ich befürchte fast, die alte Frau Niedner ist nicht lebend herausgekommen. Gott befohlen – heute Abend sind wir klüger.“
Der Hauptmann salutierte, rief seine Leute zusammen und regelte das Notwendige, während Albert seine Frau in die Villa zog.
„Versuche noch ein wenig zu schlafen, mindestens zu ruhen. Wir werden später alles besprechen und bedenken, was zu tun ist. Sieh mir bitte meinen Fehler nach. Ich hätte dich doch gestern sogleich unterrichten sollen – tut mir leid.“ Elisabeth schluchzte.
„Es ist meine Schuld. Ich habe Rudolf erst die Idee eingegeben, Sophie zu entführen, nun ist die Tante… O Jesus Christus! Was habe ich getan! Was mag ihr widerfahren sein!“
Albert nahm Elisabeths gestammelte Beichte regungslos auf. Er erzählte ihr nicht, dass er sich selbst noch mehr Schuld gab, denn er hatte nachmittags Rudolf im Streit zu schleuniger Abreise aufgefordert. Einen unverschämten Schnorrer hatte er ihn genannt, einen Tagedieb und Volksverderber. Er möge gefälligst einer ehrlichen Arbeit nachgehen, wie sich das für ein Familienmitglied, sei ’s nur ein angeheiratetes, gezieme. Dass die Sache noch am selben Abend eine solche Wende nehmen könnte, wäre ihm nicht eingefallen. Wenn er freilich von dem Gespräch zu Pferde gewusst hätte… Er seufzte. So gut er sich mit seiner jungen Frau zu verstehen meinte, so weit auseinander lagen seine und ihre Motive. Über ihr Verhältnis zu Rudolf und Sophia hatten sie nicht geredet, sondern einander Pläne und Vorgehensweise verschwiegen.
Elisabeth war schon dabei, Kaffee zu kochen. Der Himmel überm See war wolkenlos, ein strahlender Tag brach an.

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